
Source by Webflow: Haben wir zu hohe Ansprüche?

Source by Webflow bringt Marketer, Designer und Entwickler in einem Werkzeug zusammen. Doch reicht es wirklich für professionelle Ansprüche, oder baust du dir vieles am Ende doch lieber selbst?
In dieser Folge diskutieren wir zu dritt, was hinter Source by Webflow steckt: eine lokale Mac App, ein Next-Gen CMS mit verschiebbaren Blocks und Views, offenes Hosting und agentische Workflows. Wir ordnen ein, was daran wirklich neu ist, wo die Stärken liegen (Designsystem, Brand-Konsistenz, Maintainability) und wo die offenen Fragen sind: KI-Modelle, Abhängigkeit vom Tool und die Frage, wie viel du davon mit Open Source selbst bauen kannst.
Außerdem sprechen wir über den echten Mehrwert von Webdesignern in der KI-Ära: Geschmack, Kontrolle über Animationen mit GSAP und warum das Wissen um Begriffe wie Stagger oder Depth Map den Unterschied macht.
Source by Webflow: Was hinter dem neuen Werkzeug steckt
Auf der letzten Webflow Conf war ein Thema kaum zu übersehen: Source by Webflow. Viele haben es gesehen und sofort gedacht, dass sich jetzt alles ändert. Doch was steckt wirklich dahinter, und reicht es für professionelle Ansprüche? Genau darüber haben wir zu dritt gesprochen und dabei einige spannende Punkte herausgearbeitet.
Wichtig vorab: Aktuell gibt es nur eine Research Preview. Vieles ist also noch Einordnung und Überlegung, nicht die finale Wahrheit. Trotzdem lohnt sich der Blick, weil Source grundsätzlich in eine andere Richtung geht als das Webflow, das du bisher kennst.
Was Source von Webflow eigentlich ist
Source ist kein neuer Webflow Designer und auch kein reiner AI Website Builder mit einem einzigen Prompt-Feld. Es ist eine eigenständige App, die du lokal auf dem Mac installierst. Sie soll zunächst neben dem bestehenden Webflow laufen und bringt Marketer, Designer, Entwickler und Agents in einem Werkzeug zusammen.
Ein zentraler Punkt: Du kannst deine bestehende Codebasis nutzen und dein Webflow Projekt importieren. Genauso lassen sich CMS, Hosting und dein eigener Stack anbinden, wie du es möchtest. Damit öffnet sich Webflow deutlich. Bisher kannten wir es eher geschlossen, mit einer Abstraktionsschicht, durch die alles erst übersetzt werden musste. In Zukunft kannst du einen Code-Schnipsel von woanders kopieren, einfügen und er ist sofort sichtbar und anwendbar, auch für die Agenten.
Das Next-Gen CMS ist der eigentliche Sprung
Der für mich interessanteste Teil ist das neue CMS-Konzept. Statt starrer Rich-Text-Felder, mit denen du kaum etwas machen kannst, bekommst du ein wirklich freies CMS mit Data-Tabellen für alle möglichen Informationen. Deine Components, ob Hero, Slider oder Blog, fütterst du mit diesen Daten und kannst sie frei hin und her schieben.
Das öffnet neue Möglichkeiten, besonders für SEO-Seiten. Eine gute SEO-Seite braucht viele verschiedene Components, die über das CMS gefüttert werden und die der Kunde trotzdem selbst anordnen kann. Genau das war mit dem alten Rich-Text-Ansatz kaum möglich. Du kannst sogar Components in Components bauen und alles flexibel verschieben.
Der Reiz liegt in der Skalierbarkeit und in der Maintainability. Eine einzelne Landingpage mit KI zu bauen ist heute einfach. Ein ganzes System sauber zu pflegen, mit Views und Übersicht, ist die eigentliche Kunst. Und genau das lässt sich verkaufen, auch an kleinere Kunden.
Visuell bearbeiten oder den Agenten überlassen
Eine offene Frage ist, wie viel du noch selbst visuell bearbeitest. Meine Erfahrung mit ähnlichen Tools: Wenn du anfängst, das vom Agenten gebaute CSS selbst umzubauen, verlierst du schnell den Überblick, wie das System aufgebaut ist. Es kann sinnvoller sein, das Styling-System dem Agenten zu überlassen und als Mensch nur zu prüfen, ob das Ergebnis gut aussieht.
Was aber wichtig bleibt, ist der direkte Klick im Canvas, um Texte selbst zu ändern. Denn von KI geschriebene Texte klingen oft nach KI. Und für Details, bei denen ein Grafikelement millimetergenau sitzen muss, willst du weiterhin eine UI und die Kontrolle. Ob der Agent dabei Flexbox oder Grid nutzt, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass die letzten 20 Prozent Feintuning stimmen.
Warum ein gutes Designsystem entscheidet
Ein Argument hat mich besonders überzeugt: KI-Agenten sind nur so gut wie ihre Trainingsdaten. Und ein Großteil des Webs ist visuell und vom Code her schlicht schlecht. Genau hier könnte eine große Stärke von Source liegen, nämlich ein vernünftiges Designsystem aufzubauen und Brand-Konsistenz sicherzustellen.
Denkbar ist, dass ein Agent zurückmeldet, wenn etwas nicht on brand ist, etwa eine falsche Farbe oder Schrift auf einer neu veröffentlichten Seite. Gerade bei größeren Firmen entsteht schnell Chaos, wenn verschiedene Abteilungen eigene Seiten bauen. Ein System, das diese Konsistenz erzwingt, löst ein echtes Problem.
Die offenen Fragen: Modelle und Abhängigkeit
So spannend das ist, es gibt offene Punkte. Bisher wurde nicht gezeigt, ob du mit deinem eigenen KI-Modell oder deiner eigenen Subscription arbeiten kannst. Das ist entscheidend, denn wenn Source zu geschlossen gebaut ist, könnte es schlechter werden, sobald bessere Modelle erscheinen. Ein starkes Modell in einem starren System nutzt dir wenig, wenn morgen ein günstigeres und besseres verfügbar ist.
Damit verbunden ist die Frage, wie viel von Source du eigentlich selbst bauen könntest. Vieles gibt es bereits als Open Source. Views lassen sich exportieren und sind am Ende normale Web-Components. Ein einfaches Brand-Tool mit Farben, Effekten und Backgrounds ist heute schnell selbst gebaut und kann sogar direkt beim Kunden auf einer passwortgeschützten Seite laufen. Die Antwort liegt oft in der Mitte: Manches lohnt sich über Source, anderes baust du besser in deinem eigenen Setup, weil es günstiger ist und genau zu deinem Workflow passt.
Der eigentliche Vorteil: Geschmack und Kontrolle
Der wichtigste Gedanke für dich als Webdesigner: Ein Agent ist nur so gut wie deine Vorgaben. Wer weiß, dass es Stagger gibt, dass man sogar das Easing eines Staggers steuern kann oder wie eine Depth Map funktioniert, holt aus jedem Tool mehr heraus. Wer diese Begriffe nicht kennt, bleibt auf das beschränkt, was der Agent von sich aus liefert.
Gerade bei Animationen zeigt sich das. Statt eine komplette GSAP Timeline-UI zu lernen, kannst du dem Agenten sagen, welche Animation du willst, und dir die feinen Details über kleine, deterministische Controls selbst einstellen. Tools wie Dialkit oder Bibliotheken wie AnimeJS machen genau das möglich. Du baust nicht mehr eine Version, sondern probierst zwanzig Varianten in kurzer Zeit.
Und Geschmack? Der lässt sich üben. Vieles, was wir als subjektiv empfinden, ist eigentlich objektiv: Hierarchie, Kontrast, klare Botschaft. Wenn du täglich gute Arbeiten anschaust, etwa bei Awards, schärfst du dein Auge. Genau dieser kreative, menschliche Anteil wird in Zukunft den Unterschied machen, wenn technisch fast alles gut aussieht.


